KMFDM – Paradise

KMFDM - Paradise

Auch nach 35 Jahren ist die Band keinen Deut leiser, und ich sitze immer noch hier und schreibe über sie. Und das ist auch gut so, Denn ‚Paradise‘ ist ein großartiges Album geworden. 

 

Wie hieß es noch so schön in ‚Sucks‘ (Angst, 1993):
„Whatever we tell you is meant to be crap
we hate all music and especially Rap“
Nun ja, obwohl sich diese Aussage bereits in sich selbst aufhebt, findet man in den Stücken der Bandgeschichte keinen Rap.
Bis jetzt. Jedenfalls ein bisschen.
Im Opener ‚K.M.F.‘ wird Käpt’n K in seinen Schimpftiraden vom Rapper Andrew „Ozelot“ Lindley“ im Hip-Hop Stil (und Sprachsamples) unterstützt. Ein geniales Stück, in dem alle Elemente perfekt zusammen passen.
KMFDM haben sich in den letzten Jahren wieder auf ihre Innovationskraft besonnen. Die ‚Nothing new, it’s the same old shit‘- Zeiten sind vorbei, die Alben sind wieder überraschend und überragend arrangiert und produziert. Zusammen mit dem Vorgänger ‚Hell Yeah‘ entwickelt die Mutter aller Industrial-Krieger eine Strahlkraft, die sie höchstens in den Anfangstagen aufbringen konnte.
Einer der Gründe liegt sicherlich darin, das Sascha Konietzko und Lucia Cifarelli ihren Sound immer wieder aufpolieren und keine Angst davor haben, andere Künstler etwas von der Anerkennung abtreten zu müssen. Denn auch diesmal haben sie sich wieder einige illustre Gäste zur Unterstützung bzw. Veredelung eingeladen:
Tackheads ‚Doug Wimbish‘ am Bass des funkigen ‚Piggy‘, und neben dem bereits erwähnten „Ocelot“ und Cheryl Wilson, die ihre herrliche Soulstimme in ‚WDYWB‘ einmal mehr einbringt, kehrt nach 16 Jahren „the Mighty swine“, Gründungsmitglied und PIG-Mastermind Raymond Watts zurück. Zuletzt war dieser solo bekanntermaßen auch wieder sehr überzeugend und brilliert hier in gewohnter Manier im Schwergewicht ‚Binge Boil And Blow‘.
Ein weiteres Highlight ist der Song ‚Megalo‘, ein Neuauflage des Klassikers ‚Megalomaniac‘ (Symbols, 1997). Hier mit zusätzlicher, deutschen Textpassage und einem Eurodisco-Trance-Teppich, der total abhebt. Offenbar wird es jetzt zum Standard, ältere Stücke im neuen Glanze erscheinen zu lassen, nach ‚Rip The System 2.0‘ vor zwei Jahren nun also der zweite große Wurf. Aber warum auch Remixe an andere in Auftrag geben, wenn man es selbst doch am besten kann. Gerne mehr davon!
Den harschen Titelsong gibt es hier in einer acht-minütigen Long-Version, die sich zur Hälfte in einen chilligen und coolen Dub-Track verwandelt.  
Die Gitarren sind, auch auf den schnellen Stücken nicht mehr so dominant, wie noch vielleicht vor 10Jahren, sondern fein abgemischt und dem Konzept des jeweiligen Songs untergeordnet. Die Elektronik ist der federführende und aktivste Part, hier finden klassische und moderne Elemente in perfekter handwerklicher Programmierung und Produktion zusammen. Und auch weitere Musikstile, wie Ambient und Industrial-Dance finden sich auf ‚Paradise‘, ohne das sich auch nur eine Sekunde selbst musikalisch untreu wird. 

KMFDM sind keine Band, die konkrete politische Aussagen trifft, aber immer wieder dazu aufruft, für seine eigene Interessen zu kämpfen und sich nicht von scheinbar übermächtigen Kräften, wie fehlgeleiteter Staatsgewalt, unterkriegen zu lassen. ‚Rip the System‘ ist nach wie vor der Schlachtruf. 
Das diese Zeiten ein Paradies für Arschlöcher sind, spiegelt die Gesellschaftskritik, und auch die Zweifel daran wieder, das Hochtechnisierung auch Risiken bergen, klar wider.
Und wenn das Album im Reggae-Style mit eine Anruf bei Gott und den Worten ‚the number is not in service at this time“ beantwortet wird, dann weiß man wohl spätestens, das wir wohl auf uns allein gestellt sind und zusammenhalten müssen.
Starker Auftritt – Kein Mehrheit für die Mitleid ! 

Fascism is in fashion again, and the planet is a paradise for assholes…and KMFDM will have none of it!
KMFDM
Paradise
5/5
Ausbeute
90%

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